Morgen, morgen…

Morgen oder übermorgen gibt’s mehr, St. Gallen hat mich etwas aus der Bahn gebracht und jetzt muss ich dringend los um meine Party nicht zu verpassen. Abschied feiern mit ein paar Freunden, morgen geht’s schon zurück. Schön war’s und interessant – mit verbessertem Sprachniveau lässt sich über mehr reden mit den Leuten, auch den Lehrkräften. Lohnt sich.

Nieder mit der Küchensklaverei!

Nieder mit der Küchensklaverei!

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Spurensuche

Der FC St. Gallen hat gestern Spartak Moskau besiegt, weshalb die Fortführung des Blogs leider unvorhergesehene Verzögerungen erlitt. Kann man es sich als Schweizer erlauben, sich in einer Bar mit Fussballübertragung zu freuen, wenn „wir“ gerade dabei sind, die Russen zu schlagen? Kann man, jedenfalls wenn man in Sankt Petersburg sitzt und zusieht, wie Spartak Moskau untergeht. Spartak lieben nur die Spartak-Fans, für alle anderen, so scheint es, ist Spartak ein rotes Tuch. Üble Fans. Eine Band aus Nishnii Novgorod, die ich kenne, spendierte der Abneigung einen Song, nachdem Spartak-Fans die Stadt zerlegt und sich Strassenkämpfe mit der Polizei geliefert hatte: „Ja nenavizhu Spartak“ – „Ich hasse Spartak“. Das, was in der Schweiz zuweilen in und um Stadien abgeht – schlimm genug! -, ist dagegen „Kinderfasching“, wie Kollegin K. K. es ausdrücken würde. Hier in SPB, wie man lokal gerne abkürzt, hat man zum Erfolg gratuliert, etwas Schadenfreude war mit dabei, da sich „Zenit“ locker für die Champions-League qualifiziert hat.

„SPB“ ist also die Abkürzung für Sankt Petersburg, neuerdings auch für „Set‘ pivnyx barov“ – „Bierkneipenkette“, eine neue Gastrokette eben. Russen lieben Wortspiele.

So viel zum Fussballabend, now for something completely different.

Vorgestern, zurück im Hotel, reichlich müde schon, hat dann erst mal die Karte, welche als Zimmerschlüssel dient, nicht funktioniert. Na also. Irgend etwas muss doch „ne rabotat“, wenn ich schon in Russland bin. Ich runter an die Rezeption, sie lädt meine Karte neu, ich rauf. Ich wieder runter. Ne rabotaet! Sie sucht eine neue Karte raus, lädt sie, überprüft, nimmt eine dritte Karte, lädt – jetzt geht’s, da ist sie sich sicher. Ich rauf, Karte rein. Am Kartenleser blinken die Lichter, sonst geht gar nichts. Ich wieder runter, die Rezeptionistin würde vom Hocker fallen, wenn sie denn sitzen würde. Zum Glück ist das ein Stehjob, da hinter der Theke. Jetzt telefoniert sie. Schickt mich wieder rauf, der „Master“, wird gleicht kommen. Kommt auch, Blaumann, graues Haar, Nickelbrille. Macht sich unten am Schloss zu schaffen. „Minutku“, sagt er, „ein Minütchen“, verschwindet. Kommt nach einiger Zeit wieder mit einer ordentlichen Grubenlampe. Wir dringen tief in die Eingeweide des Schlosses, er schraubt, ich halte die Lampe. Vorsichtig öffnet er das Ding – da drin sind Batterien! What the heck? Aber eigentlich logisch. Elektronischer Kartenleser, muss ja irgendwie Strom dabei sein. Also Batterien oder, was mich in Russland eigentlich nicht überraschen würde, ein Minikohlekraftwerk. Batterien sind mir da lieber. Stinkt nicht so und der Schaden ist rasch behoben. Ein Griff in die Tasche, 4 Batterien AA gezückt, eingesetzt – und schon funktioniert das Ding wieder einwandfrei. Notiz für mich: Nimm auf Urlaubsreisen immer ein paar Batterien und einen Satz Imbusschlüssel mit.

In der Schule reden wir über unsere Länder, die Kollegen aus Italien, die Lehrerin aus Russland, ich aus der Schweiz. Tauschen ein paar Klischees aus, u.a. natürlich darüber, dass Schweizer so ruhig und gesittet sind, Italiener sicher nicht ruhig und Russen oft als ungesittet auffallen – die, welche wir als Russen erkennen. Ruhig und gesittet war ich natürlich auch während des Schlossproblems, immer freundlich, schön leise – ganz anders der Italiener, der gestern gegen Mitternacht den Flur zusammengebrüllt hat. Gleiches Problem, lautere Lösung. Ich konnte so wenigstens meinen Bestand an italienischen Schimpfwörtern etwas auffrischen, den ich seit der Schulzeit mit mir rumtrage. Das meiste lernt man eben doch auf dem Schulhof…

Über russische Schulen sprechen wir auch in unserer Schule – und über Russland. Reformen, Reformen, Reformen, alles von oben, sauteuer, dafür nachhaltig ineffizient. Vor 20 Jahren habe ich mal gedacht, dass alles besser werden könnte, also „besser“ im Sinne von „irgendwie so, wie bei uns“. Russland ist längst wieder 70% Sowjetunion, erzählt uns jemand, Kontrolle, Einschränkungen – auch der Reisefreiheit -, gelenkte Demokratie. Und die übrigen 30% – schlimmer. Angesichts der auch bei uns sich ausbreitenden Seuche der Kontrolle von oben, frage ich mich langsam, ob sich die Welt wirklich in die von mir erhoffte Richtung bewegt, oder ob ich gerade miterlebe, wie ungefähr unsere Zukunft aussehen könnte. Gibt’s dagegen Opposition? Nein, denn die sitzt im Gefängnis. Die Kontrollettis regieren die Welt, im Verbund mit ein paar grossen Firmen… Puh, düsteres Bild. Dafür gibt’s Unterhaltung und Waren für (fast) alle und andauernd – was hier an Casting-, Spiel- und Humorshows über die Sender geht, unglaublich. Dazu noch ein paar Klassiker, gerne Kriegsfilme, etwas Heroismus tut gut. Wir sind gross und toll, wir haben die Nazis geschlagen. Dass die aber bei „Spartak“ zum Beispiel easy und ohne grosse Störung den Ton angeben, das scheint irgendwie egal. Wichtiger sind da Gesetze zum Schutz des Volkes vor anderen gefährlichen Kräften…

Na denn, was bleibt? Russland ist riesig, die Kontraste gewaltig. Eigentlich alle Menschen, die ich kennen lerne, sind gebildet, unglaublich (gast-)freundlich und umgänglich. Mit denen könntest du wirklich „Staat machen“, aber irgendwie kommen sie nicht zum Zuge.

Der russische Schriftsteller Dovlatov erzählte*, wie ein russischer Historiker vor zweihundert Jahren in Paris von Landleuten gebeten wurde, die Lage im Land in drei Worten zu beschreiben. Drei Worte benötigte der Mann nicht. „Sie stehlen“, antwortete er. Dovlatov ergänzt aus eigener Anschauung: „Dabei werden sie mit jedem Jahr dreister  […] und eigentlich wird gestohlen ohne vernünftiges Ziel. Das, da bin ich sicher, kommt in dieser Form bloss in Russland vor“. 20 Jahre ist es her, seit er das geschrieben hat. Vermutlich wahrer denn je, abgesehen davon, dass damals noch der kleine Arbeiter „das System“ bestohlen hat. Und heute?

* Dovlatov, Sergei: Rasskasy iz chemodana [Deutsch: Der Koffer]. Sankt Petersburg: Azbuka, 2012. S. 163.

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Venedig des Nordens – little Italy in Russia…

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Reif für die Insel

Auf den zweiten Blick sieht alles immer anders aus, zumindest dann, wenn man Zeit hat, zwischen dem ersten und zweiten Blick  wegzuschauen. Das ist nicht so schwierig, wenn man wie ich für ein Jahr weg war.  Damals erklärte mir eine der Lehrerinnen, dass sie niemals wieder ins Stadtzentrum ziehen würde, nachdem sie nun auf einer der zwei Inseln, auf der linken (für Geografen: der westlichen…) Insel nämlich wohnt, der Vasilievskii Ostrov. Zwar gibt es auf diesen Inseln grosszügige Parkanlagen, aber meine Lehrkräfte hier wohnen nicht im Park – so schlecht sind die Löhne im Bildungswesen hier dann doch nicht. Sie wohnt, fand ich damals, einfach in Sankt Petersburg, längst noch mitten in der Stadt, grosse Boulevards (Prospekti), grosse Wohnhäuser. Genau wie hier drüben auf dem Festland. Tatsächlich ist der Hauptboulevard aber begrünt – und zwar reichlich. Wäre eine Idee für Kreuzlingen, mit dem kleinen Problem, dass unser „Boulevard“ hier unter „pereulok“, also „Gasse“, laufen würde… Hier hat man aber reichlich Platz vorgesehen für eine Art von langgezogenem Park. Platz für Spaziergänger, für Radfahrer auch, die es hier offenbar in grösserer Anzahl gibt. Zumindest trauen sie sich hier drüben auf der Insel, das Rad tatsächlich zu nutzen, was auf den Hauptstrassen der Innenstadt wirklich lebensgefährlich scheint. Sich ganz rechts zu halten, das würde mir als Schweizer dort ja einfallen – das ist aber die dümmste Idee, die man haben kann, weil rechts die BMWs und Ferraris in wahrlich hirnfreien Aktionen alles andere überholen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. @Ueli Halbheer: Englische Sportwagen habe ich auch schon gesehen. Die überholen aber nicht rechts – wer so was fährt, ist Gentlemen und hat Stil. Auch hier.

Bolshoi Prospekt - der grosse Prospekt

Bolshoi Prospekt – der grosse Prospekt

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Das Leben auf den Strassen der Insel… „familienfreundlich“ könnte man das nennen, denke ich.

Nachvollziehbar, dass der Reiseführer auch einen Spaziergang vorschlägt, den ich dieses Jahr mache – letztes Jahr war das Wetter nicht so toll, als ich hier war – nur rein ins Erarta-Museum, raus, zurück. Alles mit Bus und Metro.

Erarta

Erarta

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A Matryoshka is so last season... Right said, Fred!

A Matryoshka is so last season… Right said, Fred!

Ahm... what?

Ahm… what?

Erarta, das Museum, schaue ich mir dieses Jahr auch wieder an – diesmal den linken Flügel (für Geografen: den südlichen…), der die permanente Ausstellung beherbergt. Nach drei Stunden bin ich gut gesättigt mit Bildern und Skulpturen. Ein Besuch lohnt sich, kann ich nur wiederholen – auch wenn nach wie vor eigentlich jeder Reiseführer (ausser „Lonely Planet“!) das Museum glatt verschweigt. Das ist als ob man in Basel nur zufällig vom Beyeler-Museum erfahren würde…

Kirov-Kulturpalast. Verwittert.

Kirov-Kulturpalast. Verwittert.

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Zurück geht’s Richtung Brücke zum Festland, Richtung Ermitage. Das steht in jedem Reiseführer drin, trotzdem werde ich mir das dieses Jahr nicht mehr antun. Ist wie der Louvre in Paris. Lohnt sich , sollte man sich ansehen, unbedingt, aber ist so vollgestopft mit Besuchern, dass man Zustände kriegen könnte.

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Peru goes Apache!

Peru goes Apache!

Vor der Ermitage ist Feststimmung. Schönes Wetter, Zeit für Strassenmusikanten. Da wird auch mit der grossen Kelle angerichtet. Die Panflöten-Peruaner sind natürlich vor Ort, aber mit Sequencer, Verstärker und zwei kleinen Tipis (What the fuck? Tipis in Peru?), welche die Lautsprecher verbergen. Los geht’s… Panflöte trifft Drum ’n‘ Bass ist das Motto, klingt wie Winnetou auf Drogen. Ich ziehe weiter und merke: Diese Tour durchs Tourizentrum der Stadt wird zur Weltreise. Next stop – Edinburgh! Original schottischer Dudelsackbläser, wenigstens ohne Verstärker und „mmz,mmz,mmz..“. Daneben ein paar Barockmenschen mit Violine. Ich lass die Peruindianer, die Schotten und den Barockmief hinter mir, jetzt wär’s wirklich Zeit für die Insel. Ich finde auch eine, reiner Zufall, mitten im Zentrum. Durch manche der Innenhöfe, welche durch mehrere Gebäude führen (erinnert mich ein wenig an die Hackeschen Höfe früher in Berlin – keine Ahnung, ob es die in der Form noch gibt – eher nicht, denke ich…) kann man noch durchlaufen – manchmal muss man, wenn man ein Restaurant sucht, das zwar einen bestimmten Strassennamen und eine Nummer trägt, jedoch von dieser Strasse genau genommen ziemlich weit entfernt ist, weil man eben erst mal durch zwei Höfe durch muss. Albtraum für Postboten! Das Gute: Hier ist es absolut still. Keine Panflöten, kein Ferrariröhren, keine Durchsagen der Guides auf den Aussichtsbooten auf den Kanälen, die heute so zahlreich verkehren, dass an Knotenpunkten des Kanalsystems Stau herrscht. Hier im Innenhof trinke ich also meinen Kaffee und vergesse beinahe, dass ich in einer Grossstadt bin, ich Landei.

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Glückskatzen, Waschlappen und andere unheimliche Begegnungen

In Russland brauchst du Glück, wenn du’s zu etwas bringen willst. Also Protektion. Also irgendwen oder -was, das dir weiterhilft. Falls man in Sankt Petersburg wohnt und niemanden kennt, der/die (wann fordert eigentlich endlich mal jemand Gleichberechtigung für allle Dasheiten der Welt?) Einfluss hat, sollte man sich wenigstens mit der Katze gut stellen. Die Glückskatze steht am Nevskyi-Prospekt, auf einem kleinen Podest. Hat man einen Wunsch, wirft man eine Münze hoch, so dass sie auf dem Podest liegen bleibt.

Die Glückskatze...

Die Glückskatze…

...und wie man mit ihr umgeht.

…und wie man mit ihr umgeht.

Das ist natürlich anspruchsvoller, als zum Beispiel in Rom Kleingeld in einen Brunnen zu schmeissen – dafür darf man sich dann auch wünschen was man will, nicht bloss die Rückkehr in die Stadt.

Nicht gewonnen - schade!

Nicht gewonnen – schade!

A propos Glück: Das Ticketspiel, das ich in Novosibirsk schon beschrieben habe (Wer es nicht kennt, liesst sofort dort nach!) kennt man hier auch. Allerdings ohne den sibirischen Clou, das Aufessen des Tickets. Freunde aus Sankt Petersburg, ihr seid Waschlappen! In Sibirien tut man wenigstens was, um das Glück zu zwingen. Kein Wunder, brummt dort weit im Osten bei den Bären der Fortschritt – wenn er nicht grade winterlich tiefgefroren ist -, während bei euch alles nur vor die Hunde geht oder im besseren Fall eben für die Katz‘ ist.

A propos „Osten“: Riesenaufregung um Immigranten aus Asien, welche zu 300 Personen pro Stockwerk in einem Wohnblock untergebracht sind. Anwohner beklagen sich, die Sicherheitspolizei rückt an. So geht das nicht, heisst es, diese Leute sind laut und viele, was fällt denen ein, 300 pro Stockwerk, ausserdem stehen sie auf der Strasse rum, sind unhöflich und sprechen unsere Sprache nicht! Die sind nicht wie wir! Keine Kultur! Na, denke ich, wenigstens etwas ist auf der ganzen Welt gleich, nämlich die Vorurteile gegenüber „denen da“. Diese da sind übrigens hier als гастарбайтер, in Transliteration „gastarbaìter“. Russisch könnte so einfach sein!

A propos Gastarbeiter: Ich könnte schwören, mir sei Ch. Mörgeli begegnet, drahtig, lächelnd, mit der typischen Frisur und seinem langweiligen Anzug, kaum war ich aus dem Restaurant draussen, in dem ich Pelmeni gegessen hatte. Ich hätte den Vodka, den wir uns als Verdauer gegönnt haben, nicht nehmen sollen… Mörgeli mit seinem schnieken Anzug und der Schulbubenfrisur erinnert mich immerhin daran, dass die russische Sprache leider nicht immer so einfach ist, wie im Gastarbeiterbeispiel. Sagt man auf russisch zum Beispiel  „Du siehst aus wie eine Gurke!“, dann meine ich zwar, ich würde verstehen, was da gesagt ist – immerhin kann man bei uns ja auch jemanden „Gurke“ nennen. Es bedeutet hier allrdings etwas ganz anderes, nämlich „Du siehst echt toll aus!“. „Schön wie eine Gurke“, sagt der Russe – das soll mal einer kapieren.

A propos Pelmeni: Einmal habe ich mir im Supermarkt etwas Fertigfood besorgt. „Anna’s Best“ bzw. „Betty Bossi“ heissen hier „Robin Cafe“. Schmeckt etwa gleich, wie unsere Varianten, aber die Folie, die den Behälter oben verschliesst, ist so solide und so gut verschweisst – daraus könntest du glatt Flugzeugflügel bauen. Mein Taschenmesser erledigt das Biest letztendlich doch noch, 1:0 für die Schweiz, würde ich mal sagen.

A propos solide: Die Tramgleise haben, falls Gleise so etwas haben können, Schlaglöcher. Es rumpelt gewaltig, wenn die Bahn hier eine Weiche querend um die Ecke fährt,  – das müsste man nicht hören, das könnte man auch bloss spüren. Die Bahn überlebt’s – Russen sind Weltmeister in der Konstruktion von einfachen, praktischen, wirkungsvollen und enorm soliden Maschinen. Eine Limousine, aus dem Westen natürlich, steht am Strassenrand und zeigt ihren schicken Stern. Jedes Mal, wenn ein Tram um die Ecke biegt, geht der Alarm los. Tor für Russland.

A propos Tor: Alt ist man, wenn einen einige der anderen Schüler in der Sprachklasse mit „Sie“ anreden.

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Soviet day…

Die Industrielandschaft hinter dem Hotel macht den Anfang. Hier quartieren sich kleine Geschäfte, einige Lokale und ein Schwimmbad ein. Alles sieht etwas mitgenommen aus – aufgegeben und Stück für Stück wieder in Beschlag genommen, da und dort etwas renoviert, frisch gestrichen. Beinahe ein Hauch von Revolution, wenn sich die Menschen (und nicht etwa Grosskonzerne) zurückholen, was ihnen per Ideologie ja einst quasi ohnehin gehörte.

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Inseln des Untergangs überall. Die Industriebrache zu Beginn des Ligovskii-Prospekts, dahinter dann, Moskowskii-Prospekt, wieder blühende Stadt, Neu- und Altbauten, riesig, städtisch. In den Strassen des Zentrums: Wo gebaut wird oder renoviert, stehen daneben zwei Gebäude, die einfach verfallen, bei deren Anblick ich denke: Vielleicht liegt da morgen bloss noch ein Haufen Staub. Moderne und Geschichte, Reichtum und Armut… Aber ja, Sankt Petersburg soll sein altes Gesicht nicht verlieren, darin sind sich alle hier einig. Tradition. Klasse. Darum geht es. Eine aufwendige und nicht ganz einfache Rettung wird das werden.

Überhaupt soll in Russland überall alles gerettet werden, so viele kulturelle und Naturschätze. Der Baikal-See (von einer Mineralwassewrfirma), der sibirische Tiger (vom Zoo Novosibirk, dem Staat und eigentlich allen). Aber abgeholzt wird dann dort, wo der Tiger eigentlich lebt.

Etwas später im Kaffe. „Ich war im Krieg“, schreit der Typ, abgerissene Kleidung, Gesicht verkrampft und gestikulierend. Aber schwer und in weiten Bewegungen, dazu dieses langegezogene, klagende Schreien. Ja, er muss im Krieg gewesen sein, genau dies sind die Bilder, die ich vom TV kenne – so gestikulieren und sprechen diese Menschen im Kaukasus, die gerade alles verloren haben, vor allem aber die Menschen, welche ihnen so nahe waren, bis plötzlich… Alles aus, Filmriss. Der Typ wendet sich an die Zuschauer, was für ein Theaterstück könnte man aus dieser Szene machen!, und ruft: „Ich liebe Russland. Liebt ihr Russland nicht? Ich war für Russland im Krieg!“ Die Dankbarkeit hält sich in Grenzen, die Managerin versucht, ihn loszuwerden, weist ihm die Tür. Einfache klare Geste, so hat sie es sicher gelernt – aber sie nützt nichts. Er ist noch nicht fertig. Etwas Brot möchte er, hat denn niemand ein Stück Brot für ihn? Eine Angestellte drückt hinter der Theke mehrmals auf einen Knopf, seit längerem schon und immer wieder. Nichts passiert. Der Typ bewegt sich in den Raum, die Managerin verschwindet nun auch hinter der Theke, spricht die Worte: „Gehen Sie hinaus!“ Er beschimpft sie, wieder die Gesten, er geht weiter – ich bin froh, sitze ich hinten in der Ecke -, er spricht einen Gast an. Brot. Geld. Schliesslich steht ein anderer auf, spricht ihn an, geleitet ihn zur Tür. Er verlässt das Lokal, kommt dann doch noch einmal kurz zurück, die Managerin gehört noch einmal beschimpft. Abgang. Der Vorhang fällt. Dieser Vorhang der modernen und schönen Welt des erfolgreichen Mittelstandes – er reisst hier sehr schnell und was man dahinter erkennen kann, das kenne ich nicht, nocht nicht einmal aus Zürich.Keine Ahnung übrigens, in welchem Krieg er war, schwer zu sagen. Er könnte bloss ein wenig oder aber viel älter sein als ich – er sieht kaputt aus, mehr kann ich nicht sagen.

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Und wieder etwas später. Es geht mit der Metro zum Nevskii-Prospekt. Abendessen ist angesagt. Wie schaffen es die Leute eigentlich, frage ich mich, so etwas wie Mittelstand zu leben? In Russland gibt es nicht bloss die Grossgewinner des Kapitalismus, sondern ganz viele Leute, die es schaffen, „modern, westlich und konsumorientiert“ zu sein. Aber, das ist mir auch klar, sie verdienen weniger, zahlen in den angesagten Shops aber denselben Preis wie wir. Eine Antwort: Stolovaya. Heisst ungefähr: Mensa, Kantine. Überbleibsel aus der Sowjetzeit, läuft bestens und ist unglaublich günstig. Salat nach Wahl, Suppe, Hauptgericht (Plov, lecker) und ein Glas Saft für 4.50 Franken. Aha. Familien, schick gekleidete Geschäftsleute, Arbeiter (Bauern eher weniger, in Sankt Petersburg) und ich – alle essen hier. Am Zugang zum Buffet, man stelle sich ein Migros-Restaurant vor, gibt’s ein Waschbecken, an dem sich alle die Hände waschen, auch die kleine Tochter der Familie vor uns, die dann der Mutter diese gewaschenen Hände vorzeigen muss. So gesäubert, ich hätte mich im Leben nicht getraut, das zu unterlassen, geht’s in der Reihe vorwärts, Schüsseln und Teller werden gefüllt, ein Tisch gesucht – und dann: Guten Appetit, vielleicht noch ein Trinkspruch, dort drüben feiert jemand Geburtstag.

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Erster Schultag

In der Schule erkennt man mich wieder. Sehr aufmunternd, wenn die Schulsekretärin an der Theke einen gleich mal mit einem freundlichen Lächeln und „Welcome back!“ begrüsst. Das ist die letzte Phrase in nicht-russisch, die ich hier zu hören kriegen werde. Kurzer Plausch am Wasserautomaten mit Dasha, der einen Lehrerin vom letzten Jahr – was gibt’s Neues, was tut man so, wie ist das Leben – das natürlich schon auf russisch, da kennt Dasha kein Pardon… Die Ausbildungsleiterin kennt mich auch noch, streicht den schriftlichen Einstiegstest für mich – eine kurzr Unterhaltung wird reichen um mich richtig einzuteilen.

Na, danke: Die Gruppe, in der ich lande, ist ganz schön stark. Eine gruppe italienischer Studenten – alle studieren die russische Sprace, nix da mit Hobbyrussisch. Inzwischen, es ist Mittwoch, habe ich mich daran gewöhnt und mal sehen, ob ich noch deutsch kann, wenn ich zurückkomme. Aber wozu schreibt man schliesslich einen Blog. Eigentlich gibt’s noch viel zu erzählen, mache ich auch noch, über meinen Soviet day zum Beispiel. For now: Look at some pictures! Ich werde währenddessen mal Hausaufgaben machen. Ein paar Infos über Max Frisch und dessen Werk zusammenstellen, um ihn morgen im Unterricht vorzustellen. Etwas Literatur aus der Schweiz, das bin ich meiner Lehrerin schuldig. Sie hat mich gefragt, ob ich auch Bücher in russischer Sprache lese – und was. Tokareva, sage ich, wir diskutieren ein wenig. Zwei Pausen später kommt sie rein, drückt mir einen Zettel in die Hand: „Kaufen Sie dieses Buch – es wird Ihnen gefallen!“ Ich liebe die Kulturrussen!

Puschkin hat einen Vogel - nicht nur einen

Puschkin hat einen Vogel – nicht nur einen

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