Soviet day…

Die Industrielandschaft hinter dem Hotel macht den Anfang. Hier quartieren sich kleine Geschäfte, einige Lokale und ein Schwimmbad ein. Alles sieht etwas mitgenommen aus – aufgegeben und Stück für Stück wieder in Beschlag genommen, da und dort etwas renoviert, frisch gestrichen. Beinahe ein Hauch von Revolution, wenn sich die Menschen (und nicht etwa Grosskonzerne) zurückholen, was ihnen per Ideologie ja einst quasi ohnehin gehörte.

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Inseln des Untergangs überall. Die Industriebrache zu Beginn des Ligovskii-Prospekts, dahinter dann, Moskowskii-Prospekt, wieder blühende Stadt, Neu- und Altbauten, riesig, städtisch. In den Strassen des Zentrums: Wo gebaut wird oder renoviert, stehen daneben zwei Gebäude, die einfach verfallen, bei deren Anblick ich denke: Vielleicht liegt da morgen bloss noch ein Haufen Staub. Moderne und Geschichte, Reichtum und Armut… Aber ja, Sankt Petersburg soll sein altes Gesicht nicht verlieren, darin sind sich alle hier einig. Tradition. Klasse. Darum geht es. Eine aufwendige und nicht ganz einfache Rettung wird das werden.

Überhaupt soll in Russland überall alles gerettet werden, so viele kulturelle und Naturschätze. Der Baikal-See (von einer Mineralwassewrfirma), der sibirische Tiger (vom Zoo Novosibirk, dem Staat und eigentlich allen). Aber abgeholzt wird dann dort, wo der Tiger eigentlich lebt.

Etwas später im Kaffe. „Ich war im Krieg“, schreit der Typ, abgerissene Kleidung, Gesicht verkrampft und gestikulierend. Aber schwer und in weiten Bewegungen, dazu dieses langegezogene, klagende Schreien. Ja, er muss im Krieg gewesen sein, genau dies sind die Bilder, die ich vom TV kenne – so gestikulieren und sprechen diese Menschen im Kaukasus, die gerade alles verloren haben, vor allem aber die Menschen, welche ihnen so nahe waren, bis plötzlich… Alles aus, Filmriss. Der Typ wendet sich an die Zuschauer, was für ein Theaterstück könnte man aus dieser Szene machen!, und ruft: „Ich liebe Russland. Liebt ihr Russland nicht? Ich war für Russland im Krieg!“ Die Dankbarkeit hält sich in Grenzen, die Managerin versucht, ihn loszuwerden, weist ihm die Tür. Einfache klare Geste, so hat sie es sicher gelernt – aber sie nützt nichts. Er ist noch nicht fertig. Etwas Brot möchte er, hat denn niemand ein Stück Brot für ihn? Eine Angestellte drückt hinter der Theke mehrmals auf einen Knopf, seit längerem schon und immer wieder. Nichts passiert. Der Typ bewegt sich in den Raum, die Managerin verschwindet nun auch hinter der Theke, spricht die Worte: „Gehen Sie hinaus!“ Er beschimpft sie, wieder die Gesten, er geht weiter – ich bin froh, sitze ich hinten in der Ecke -, er spricht einen Gast an. Brot. Geld. Schliesslich steht ein anderer auf, spricht ihn an, geleitet ihn zur Tür. Er verlässt das Lokal, kommt dann doch noch einmal kurz zurück, die Managerin gehört noch einmal beschimpft. Abgang. Der Vorhang fällt. Dieser Vorhang der modernen und schönen Welt des erfolgreichen Mittelstandes – er reisst hier sehr schnell und was man dahinter erkennen kann, das kenne ich nicht, nocht nicht einmal aus Zürich.Keine Ahnung übrigens, in welchem Krieg er war, schwer zu sagen. Er könnte bloss ein wenig oder aber viel älter sein als ich – er sieht kaputt aus, mehr kann ich nicht sagen.

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Und wieder etwas später. Es geht mit der Metro zum Nevskii-Prospekt. Abendessen ist angesagt. Wie schaffen es die Leute eigentlich, frage ich mich, so etwas wie Mittelstand zu leben? In Russland gibt es nicht bloss die Grossgewinner des Kapitalismus, sondern ganz viele Leute, die es schaffen, „modern, westlich und konsumorientiert“ zu sein. Aber, das ist mir auch klar, sie verdienen weniger, zahlen in den angesagten Shops aber denselben Preis wie wir. Eine Antwort: Stolovaya. Heisst ungefähr: Mensa, Kantine. Überbleibsel aus der Sowjetzeit, läuft bestens und ist unglaublich günstig. Salat nach Wahl, Suppe, Hauptgericht (Plov, lecker) und ein Glas Saft für 4.50 Franken. Aha. Familien, schick gekleidete Geschäftsleute, Arbeiter (Bauern eher weniger, in Sankt Petersburg) und ich – alle essen hier. Am Zugang zum Buffet, man stelle sich ein Migros-Restaurant vor, gibt’s ein Waschbecken, an dem sich alle die Hände waschen, auch die kleine Tochter der Familie vor uns, die dann der Mutter diese gewaschenen Hände vorzeigen muss. So gesäubert, ich hätte mich im Leben nicht getraut, das zu unterlassen, geht’s in der Reihe vorwärts, Schüsseln und Teller werden gefüllt, ein Tisch gesucht – und dann: Guten Appetit, vielleicht noch ein Trinkspruch, dort drüben feiert jemand Geburtstag.

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4 Antworten zu Soviet day…

  1. Ria schreibt:

    Text und Bilder finde ich sehr eindrücklich. Herzlichen Dank für diese vertieften Einblicke. Da liegt auch viel Hoffnung, Kreativität und Entwicklung. Ria

  2. masu schreibt:

    Ein Paradies für Fotografen, die zu gucken wissen!
    Danke für die interessanten Infos. masu

  3. Verena Hefti schreibt:

    Ganz tolle Fotos – vor allem die Gebäude!

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