Glückskatzen, Waschlappen und andere unheimliche Begegnungen

In Russland brauchst du Glück, wenn du’s zu etwas bringen willst. Also Protektion. Also irgendwen oder -was, das dir weiterhilft. Falls man in Sankt Petersburg wohnt und niemanden kennt, der/die (wann fordert eigentlich endlich mal jemand Gleichberechtigung für allle Dasheiten der Welt?) Einfluss hat, sollte man sich wenigstens mit der Katze gut stellen. Die Glückskatze steht am Nevskyi-Prospekt, auf einem kleinen Podest. Hat man einen Wunsch, wirft man eine Münze hoch, so dass sie auf dem Podest liegen bleibt.

Die Glückskatze...

Die Glückskatze…

...und wie man mit ihr umgeht.

…und wie man mit ihr umgeht.

Das ist natürlich anspruchsvoller, als zum Beispiel in Rom Kleingeld in einen Brunnen zu schmeissen – dafür darf man sich dann auch wünschen was man will, nicht bloss die Rückkehr in die Stadt.

Nicht gewonnen - schade!

Nicht gewonnen – schade!

A propos Glück: Das Ticketspiel, das ich in Novosibirsk schon beschrieben habe (Wer es nicht kennt, liesst sofort dort nach!) kennt man hier auch. Allerdings ohne den sibirischen Clou, das Aufessen des Tickets. Freunde aus Sankt Petersburg, ihr seid Waschlappen! In Sibirien tut man wenigstens was, um das Glück zu zwingen. Kein Wunder, brummt dort weit im Osten bei den Bären der Fortschritt – wenn er nicht grade winterlich tiefgefroren ist -, während bei euch alles nur vor die Hunde geht oder im besseren Fall eben für die Katz‘ ist.

A propos „Osten“: Riesenaufregung um Immigranten aus Asien, welche zu 300 Personen pro Stockwerk in einem Wohnblock untergebracht sind. Anwohner beklagen sich, die Sicherheitspolizei rückt an. So geht das nicht, heisst es, diese Leute sind laut und viele, was fällt denen ein, 300 pro Stockwerk, ausserdem stehen sie auf der Strasse rum, sind unhöflich und sprechen unsere Sprache nicht! Die sind nicht wie wir! Keine Kultur! Na, denke ich, wenigstens etwas ist auf der ganzen Welt gleich, nämlich die Vorurteile gegenüber „denen da“. Diese da sind übrigens hier als гастарбайтер, in Transliteration „gastarbaìter“. Russisch könnte so einfach sein!

A propos Gastarbeiter: Ich könnte schwören, mir sei Ch. Mörgeli begegnet, drahtig, lächelnd, mit der typischen Frisur und seinem langweiligen Anzug, kaum war ich aus dem Restaurant draussen, in dem ich Pelmeni gegessen hatte. Ich hätte den Vodka, den wir uns als Verdauer gegönnt haben, nicht nehmen sollen… Mörgeli mit seinem schnieken Anzug und der Schulbubenfrisur erinnert mich immerhin daran, dass die russische Sprache leider nicht immer so einfach ist, wie im Gastarbeiterbeispiel. Sagt man auf russisch zum Beispiel  „Du siehst aus wie eine Gurke!“, dann meine ich zwar, ich würde verstehen, was da gesagt ist – immerhin kann man bei uns ja auch jemanden „Gurke“ nennen. Es bedeutet hier allrdings etwas ganz anderes, nämlich „Du siehst echt toll aus!“. „Schön wie eine Gurke“, sagt der Russe – das soll mal einer kapieren.

A propos Pelmeni: Einmal habe ich mir im Supermarkt etwas Fertigfood besorgt. „Anna’s Best“ bzw. „Betty Bossi“ heissen hier „Robin Cafe“. Schmeckt etwa gleich, wie unsere Varianten, aber die Folie, die den Behälter oben verschliesst, ist so solide und so gut verschweisst – daraus könntest du glatt Flugzeugflügel bauen. Mein Taschenmesser erledigt das Biest letztendlich doch noch, 1:0 für die Schweiz, würde ich mal sagen.

A propos solide: Die Tramgleise haben, falls Gleise so etwas haben können, Schlaglöcher. Es rumpelt gewaltig, wenn die Bahn hier eine Weiche querend um die Ecke fährt,  – das müsste man nicht hören, das könnte man auch bloss spüren. Die Bahn überlebt’s – Russen sind Weltmeister in der Konstruktion von einfachen, praktischen, wirkungsvollen und enorm soliden Maschinen. Eine Limousine, aus dem Westen natürlich, steht am Strassenrand und zeigt ihren schicken Stern. Jedes Mal, wenn ein Tram um die Ecke biegt, geht der Alarm los. Tor für Russland.

A propos Tor: Alt ist man, wenn einen einige der anderen Schüler in der Sprachklasse mit „Sie“ anreden.

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