Reif für die Insel

Auf den zweiten Blick sieht alles immer anders aus, zumindest dann, wenn man Zeit hat, zwischen dem ersten und zweiten Blick  wegzuschauen. Das ist nicht so schwierig, wenn man wie ich für ein Jahr weg war.  Damals erklärte mir eine der Lehrerinnen, dass sie niemals wieder ins Stadtzentrum ziehen würde, nachdem sie nun auf einer der zwei Inseln, auf der linken (für Geografen: der westlichen…) Insel nämlich wohnt, der Vasilievskii Ostrov. Zwar gibt es auf diesen Inseln grosszügige Parkanlagen, aber meine Lehrkräfte hier wohnen nicht im Park – so schlecht sind die Löhne im Bildungswesen hier dann doch nicht. Sie wohnt, fand ich damals, einfach in Sankt Petersburg, längst noch mitten in der Stadt, grosse Boulevards (Prospekti), grosse Wohnhäuser. Genau wie hier drüben auf dem Festland. Tatsächlich ist der Hauptboulevard aber begrünt – und zwar reichlich. Wäre eine Idee für Kreuzlingen, mit dem kleinen Problem, dass unser „Boulevard“ hier unter „pereulok“, also „Gasse“, laufen würde… Hier hat man aber reichlich Platz vorgesehen für eine Art von langgezogenem Park. Platz für Spaziergänger, für Radfahrer auch, die es hier offenbar in grösserer Anzahl gibt. Zumindest trauen sie sich hier drüben auf der Insel, das Rad tatsächlich zu nutzen, was auf den Hauptstrassen der Innenstadt wirklich lebensgefährlich scheint. Sich ganz rechts zu halten, das würde mir als Schweizer dort ja einfallen – das ist aber die dümmste Idee, die man haben kann, weil rechts die BMWs und Ferraris in wahrlich hirnfreien Aktionen alles andere überholen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. @Ueli Halbheer: Englische Sportwagen habe ich auch schon gesehen. Die überholen aber nicht rechts – wer so was fährt, ist Gentlemen und hat Stil. Auch hier.

Bolshoi Prospekt - der grosse Prospekt

Bolshoi Prospekt – der grosse Prospekt

20130824_150739

Das Leben auf den Strassen der Insel… „familienfreundlich“ könnte man das nennen, denke ich.

Nachvollziehbar, dass der Reiseführer auch einen Spaziergang vorschlägt, den ich dieses Jahr mache – letztes Jahr war das Wetter nicht so toll, als ich hier war – nur rein ins Erarta-Museum, raus, zurück. Alles mit Bus und Metro.

Erarta

Erarta

20130824_124023

A Matryoshka is so last season... Right said, Fred!

A Matryoshka is so last season… Right said, Fred!

Ahm... what?

Ahm… what?

Erarta, das Museum, schaue ich mir dieses Jahr auch wieder an – diesmal den linken Flügel (für Geografen: den südlichen…), der die permanente Ausstellung beherbergt. Nach drei Stunden bin ich gut gesättigt mit Bildern und Skulpturen. Ein Besuch lohnt sich, kann ich nur wiederholen – auch wenn nach wie vor eigentlich jeder Reiseführer (ausser „Lonely Planet“!) das Museum glatt verschweigt. Das ist als ob man in Basel nur zufällig vom Beyeler-Museum erfahren würde…

Kirov-Kulturpalast. Verwittert.

Kirov-Kulturpalast. Verwittert.

pano5 pan4 petr2 pano22 20130824_154727

Zurück geht’s Richtung Brücke zum Festland, Richtung Ermitage. Das steht in jedem Reiseführer drin, trotzdem werde ich mir das dieses Jahr nicht mehr antun. Ist wie der Louvre in Paris. Lohnt sich , sollte man sich ansehen, unbedingt, aber ist so vollgestopft mit Besuchern, dass man Zustände kriegen könnte.

bogen13082 20130824_155632

Peru goes Apache!

Peru goes Apache!

Vor der Ermitage ist Feststimmung. Schönes Wetter, Zeit für Strassenmusikanten. Da wird auch mit der grossen Kelle angerichtet. Die Panflöten-Peruaner sind natürlich vor Ort, aber mit Sequencer, Verstärker und zwei kleinen Tipis (What the fuck? Tipis in Peru?), welche die Lautsprecher verbergen. Los geht’s… Panflöte trifft Drum ’n‘ Bass ist das Motto, klingt wie Winnetou auf Drogen. Ich ziehe weiter und merke: Diese Tour durchs Tourizentrum der Stadt wird zur Weltreise. Next stop – Edinburgh! Original schottischer Dudelsackbläser, wenigstens ohne Verstärker und „mmz,mmz,mmz..“. Daneben ein paar Barockmenschen mit Violine. Ich lass die Peruindianer, die Schotten und den Barockmief hinter mir, jetzt wär’s wirklich Zeit für die Insel. Ich finde auch eine, reiner Zufall, mitten im Zentrum. Durch manche der Innenhöfe, welche durch mehrere Gebäude führen (erinnert mich ein wenig an die Hackeschen Höfe früher in Berlin – keine Ahnung, ob es die in der Form noch gibt – eher nicht, denke ich…) kann man noch durchlaufen – manchmal muss man, wenn man ein Restaurant sucht, das zwar einen bestimmten Strassennamen und eine Nummer trägt, jedoch von dieser Strasse genau genommen ziemlich weit entfernt ist, weil man eben erst mal durch zwei Höfe durch muss. Albtraum für Postboten! Das Gute: Hier ist es absolut still. Keine Panflöten, kein Ferrariröhren, keine Durchsagen der Guides auf den Aussichtsbooten auf den Kanälen, die heute so zahlreich verkehren, dass an Knotenpunkten des Kanalsystems Stau herrscht. Hier im Innenhof trinke ich also meinen Kaffee und vergesse beinahe, dass ich in einer Grossstadt bin, ich Landei.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter St. Petersburg veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Reif für die Insel

  1. Ria schreibt:

    Die farbenprächtigen Bilder, das schöne Wetter und die intensiven Eindrücke verlocken zum virtuellen Mitreisen. Herzlichen Dank. Ria

  2. masu schreibt:

    Habe mich soeben wieder einmal online im Erarta-Museum umgesehen. War ein beeindruckender Ausflug! – danke für die Erinnerung daran und für alle andern interessanten Einblicke. Im „Venedig des Nordens“ fühlte ich mich wirklich wie in Italien 🙂
    Mach’s gut. masu

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s