Spurensuche

Der FC St. Gallen hat gestern Spartak Moskau besiegt, weshalb die Fortführung des Blogs leider unvorhergesehene Verzögerungen erlitt. Kann man es sich als Schweizer erlauben, sich in einer Bar mit Fussballübertragung zu freuen, wenn „wir“ gerade dabei sind, die Russen zu schlagen? Kann man, jedenfalls wenn man in Sankt Petersburg sitzt und zusieht, wie Spartak Moskau untergeht. Spartak lieben nur die Spartak-Fans, für alle anderen, so scheint es, ist Spartak ein rotes Tuch. Üble Fans. Eine Band aus Nishnii Novgorod, die ich kenne, spendierte der Abneigung einen Song, nachdem Spartak-Fans die Stadt zerlegt und sich Strassenkämpfe mit der Polizei geliefert hatte: „Ja nenavizhu Spartak“ – „Ich hasse Spartak“. Das, was in der Schweiz zuweilen in und um Stadien abgeht – schlimm genug! -, ist dagegen „Kinderfasching“, wie Kollegin K. K. es ausdrücken würde. Hier in SPB, wie man lokal gerne abkürzt, hat man zum Erfolg gratuliert, etwas Schadenfreude war mit dabei, da sich „Zenit“ locker für die Champions-League qualifiziert hat.

„SPB“ ist also die Abkürzung für Sankt Petersburg, neuerdings auch für „Set‘ pivnyx barov“ – „Bierkneipenkette“, eine neue Gastrokette eben. Russen lieben Wortspiele.

So viel zum Fussballabend, now for something completely different.

Vorgestern, zurück im Hotel, reichlich müde schon, hat dann erst mal die Karte, welche als Zimmerschlüssel dient, nicht funktioniert. Na also. Irgend etwas muss doch „ne rabotat“, wenn ich schon in Russland bin. Ich runter an die Rezeption, sie lädt meine Karte neu, ich rauf. Ich wieder runter. Ne rabotaet! Sie sucht eine neue Karte raus, lädt sie, überprüft, nimmt eine dritte Karte, lädt – jetzt geht’s, da ist sie sich sicher. Ich rauf, Karte rein. Am Kartenleser blinken die Lichter, sonst geht gar nichts. Ich wieder runter, die Rezeptionistin würde vom Hocker fallen, wenn sie denn sitzen würde. Zum Glück ist das ein Stehjob, da hinter der Theke. Jetzt telefoniert sie. Schickt mich wieder rauf, der „Master“, wird gleicht kommen. Kommt auch, Blaumann, graues Haar, Nickelbrille. Macht sich unten am Schloss zu schaffen. „Minutku“, sagt er, „ein Minütchen“, verschwindet. Kommt nach einiger Zeit wieder mit einer ordentlichen Grubenlampe. Wir dringen tief in die Eingeweide des Schlosses, er schraubt, ich halte die Lampe. Vorsichtig öffnet er das Ding – da drin sind Batterien! What the heck? Aber eigentlich logisch. Elektronischer Kartenleser, muss ja irgendwie Strom dabei sein. Also Batterien oder, was mich in Russland eigentlich nicht überraschen würde, ein Minikohlekraftwerk. Batterien sind mir da lieber. Stinkt nicht so und der Schaden ist rasch behoben. Ein Griff in die Tasche, 4 Batterien AA gezückt, eingesetzt – und schon funktioniert das Ding wieder einwandfrei. Notiz für mich: Nimm auf Urlaubsreisen immer ein paar Batterien und einen Satz Imbusschlüssel mit.

In der Schule reden wir über unsere Länder, die Kollegen aus Italien, die Lehrerin aus Russland, ich aus der Schweiz. Tauschen ein paar Klischees aus, u.a. natürlich darüber, dass Schweizer so ruhig und gesittet sind, Italiener sicher nicht ruhig und Russen oft als ungesittet auffallen – die, welche wir als Russen erkennen. Ruhig und gesittet war ich natürlich auch während des Schlossproblems, immer freundlich, schön leise – ganz anders der Italiener, der gestern gegen Mitternacht den Flur zusammengebrüllt hat. Gleiches Problem, lautere Lösung. Ich konnte so wenigstens meinen Bestand an italienischen Schimpfwörtern etwas auffrischen, den ich seit der Schulzeit mit mir rumtrage. Das meiste lernt man eben doch auf dem Schulhof…

Über russische Schulen sprechen wir auch in unserer Schule – und über Russland. Reformen, Reformen, Reformen, alles von oben, sauteuer, dafür nachhaltig ineffizient. Vor 20 Jahren habe ich mal gedacht, dass alles besser werden könnte, also „besser“ im Sinne von „irgendwie so, wie bei uns“. Russland ist längst wieder 70% Sowjetunion, erzählt uns jemand, Kontrolle, Einschränkungen – auch der Reisefreiheit -, gelenkte Demokratie. Und die übrigen 30% – schlimmer. Angesichts der auch bei uns sich ausbreitenden Seuche der Kontrolle von oben, frage ich mich langsam, ob sich die Welt wirklich in die von mir erhoffte Richtung bewegt, oder ob ich gerade miterlebe, wie ungefähr unsere Zukunft aussehen könnte. Gibt’s dagegen Opposition? Nein, denn die sitzt im Gefängnis. Die Kontrollettis regieren die Welt, im Verbund mit ein paar grossen Firmen… Puh, düsteres Bild. Dafür gibt’s Unterhaltung und Waren für (fast) alle und andauernd – was hier an Casting-, Spiel- und Humorshows über die Sender geht, unglaublich. Dazu noch ein paar Klassiker, gerne Kriegsfilme, etwas Heroismus tut gut. Wir sind gross und toll, wir haben die Nazis geschlagen. Dass die aber bei „Spartak“ zum Beispiel easy und ohne grosse Störung den Ton angeben, das scheint irgendwie egal. Wichtiger sind da Gesetze zum Schutz des Volkes vor anderen gefährlichen Kräften…

Na denn, was bleibt? Russland ist riesig, die Kontraste gewaltig. Eigentlich alle Menschen, die ich kennen lerne, sind gebildet, unglaublich (gast-)freundlich und umgänglich. Mit denen könntest du wirklich „Staat machen“, aber irgendwie kommen sie nicht zum Zuge.

Der russische Schriftsteller Dovlatov erzählte*, wie ein russischer Historiker vor zweihundert Jahren in Paris von Landleuten gebeten wurde, die Lage im Land in drei Worten zu beschreiben. Drei Worte benötigte der Mann nicht. „Sie stehlen“, antwortete er. Dovlatov ergänzt aus eigener Anschauung: „Dabei werden sie mit jedem Jahr dreister  […] und eigentlich wird gestohlen ohne vernünftiges Ziel. Das, da bin ich sicher, kommt in dieser Form bloss in Russland vor“. 20 Jahre ist es her, seit er das geschrieben hat. Vermutlich wahrer denn je, abgesehen davon, dass damals noch der kleine Arbeiter „das System“ bestohlen hat. Und heute?

* Dovlatov, Sergei: Rasskasy iz chemodana [Deutsch: Der Koffer]. Sankt Petersburg: Azbuka, 2012. S. 163.

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